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Alles nur geklaut (eh-oh, eh-oh)

Alles nur geklaut (eh-oh, eh-oh)

Andrea Hahnfeld

Eigentlich ist es nur ein Mythos, dass einem die Idee für ein Buch geklaut wird. Schließlich fliegen den meisten Autorinnen die Ideen nur so zu. Meist hat man sogar so viele Ideen, dass man kaum hinterherkommt, alle umzusetzen. Wer braucht da noch fremde Ideen?

Dass nicht aus jeder Idee ein Buch oder auch nur eine Kurzgeschichte wird, hat einen Grund: Schreiben ist harte und meist zeitintensive Arbeit. Hinzu kommt, dass eine Idee nicht gleich die Umsetzung ist. Aus derselben Idee würden unterschiedliche Autorinnen unterschiedliche Geschichten entwickeln. Daher ist es im Grunde nicht schlimm, Buch- oder Geschichtenideen zu teilen.

Trotzdem kann's natürlich passieren, dass dir eine Geschichte oder ein Buch-Cover bekannt vorkommt – weil's jemand geklaut hat! Im schlimmsten Fall klaut jemand was von dir. 😬

Imitation is the sincerest form of flattery. – Charles Caleb Colton

Kurioser Weise ist mir das für The Marvelous Misfits of Westminster* jetzt schon zum zweiten Mal passiert.

Das Plagiat: Dein Ruhm, mein Ruhm

Direkt während des Schreibseminars, in dem die Erzählung als Abschlussprojekt entstanden ist, hatte eine Person die Dreistigkeit, meine Geschichte als ihr eigenes Werk einzureichen! Herausgefunden habe ich es nur zufällig. Ich sollte auf die Geschichte dieser Person Feedback geben. Und als ich sie las, dachte ich: Moment mal, das ist doch von mir!

Natürlich habe ich den Plagiats-Fall sofort Coursera gemeldet.

Plagiatsfälle sind äußerst selten. Du kannst dich auch leicht dagegen wehren. Das Urheberrecht liegt immer bei dir als Autorin. Und die Rechtslage ist eindeutig. Vorausgesetzt natürlich, du kannst nachweisen, dass du Buch zuerst geschrieben hast.

Sichere deine Texte regelmäßig, sodass du durch Backups den Entstehungsprozess beweisen kannst.

Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum diese Person meine Geschichte als ihre eigene ausgegeben hat. Wir alle haben für den Coursera-Kurs bezahlt, um kreatives Schreiben zu lernen. Durch Copy & Paste lernt niemand etwas.

Das Imitat: Dein Ruhm, mein Trittbrett

Häufiger als das Plagiat ist allerdings Trittbrettfahrerei. Wenn ein Buch besonders erfolgreich ist, gibt es oft andere Titel, die Ähnlichkeiten oder Bezüge zum Bestseller aufweisen.

Ein witziges Beispiel ist das Kult-Buch zum Plotten Save the Cat* von Blake Snyder. Paul Guyot bezieht in seinem Konter-Buch Kill the Dog* auf allen Ebenen auf diesen Beststeller: Titel, Untertitel und Cover-Design.

Beide Bücher kann ich übrigens sehr empfehlen – sie sind inhaltlich komplett unterschiedlich: Kill the Dog* versteht sich eher als Richtigstellung von Save the Cat*.

Allerdings muss ich gestehen, dass ich Kill the Dog* tatsächlich nur gekauft habe, weil ich Save the Cat* kannte und die Anspielung witzig fand.

Ich nutze das Plot-Modell selbst und wollte wissen, was Guyot daran auszusetzen hat. Insofern hat das Buch genau die richtige Zielgruppe getroffen: Kritisch denkende Autorinnen, die Save the Cat* mögenaber sich nicht scheuen, infrage zu stellen, was sie mögen.

Anspielungen auf Bestseller zu nutzen, um das eigene Buch zu verkaufen – das ist irgendwie nachvollziehbar. Und zudem nicht verwerflich, wenn man es charmant und gewitzt macht und den Inhalt nicht kopiert.

Als ich aber neulich über die Amazon-Suche meinen eigenen Buchtitel eingeben habe, wurde mir folgender Konkurrenz-Titel als oberstes Suchergebnis angezeigt. 😩

screenshot showing the two books in amazon

The Marvelous Misfits of Westminster* ist nun wirklich kein Bestseller. Wieso trotzdem eine Copy Cat zugeschlagen hat? Keine Ahnung. 🤷‍♀️

Bei Fällen wie diesem könntest du mit anwaltlicher Hilfe Unterlassung fordern.

Dass es sich bei meiner Konkurrenz um ein Low- oder Medium-Content-Buch handelt, fällt sofort auf – und das wirkt sich leider negativ auf den Eindruck meines Selfpublishing-Buchs aus.

Wie du Low- bzw. Medium-Content-Bücher erkennst

Low-Content-Bücher sind Bücher mit wenig Inhalt. Dazu zählen Planer, Gewohnheitstracker, Notizbücher – also alles, bei dem Text nicht im Vordergrund steht. Solche Bücher brauchen keine ISBN.

Im Selfpublishing haben sie vor allem ein großes Problem: die mangelhafte Papierqualität. Denn hochwertige Notizbücher sind meist aufgrund des verwendeten Papiers teuer – mit dem unschlagbaren Vorteil, dass sich darauf wunderbar schreiben lässt.

Einen leichten Mehrwert – und auch Mehraufwand für die Autorinnen – haben die sogenannte Medium-Content-Bücher. Dabei handelt es sich meist um Malbücher mit wenig Text. Solche Bücher werden …

  • grundsätzlich im Selfpublishing angeboten,
  • haben KI-Cover oder – wie im Fall meiner Copy Cat – Cover, die sichtbar mit Canva erstellt wurden;
  • auch der Inhalt ist häufig KI-generiert;
  • die Bücher richten sich oft an Kinder – bzw. verzweifelte Eltern, die für ihre Kids ein passendes (Mal-)Buch suchen,
  • und sie haben nur ganz wenige Seiten.

Immer mehr solcher Low/Medium-Content-Bücher überschwemmen den Markt. Aufgrund der Tatsache, dass sie massenhaft auftreten, werden sie häufig als »typische« Selfpublishing-Bücher wahrgenommen. Deswegen machen sie ambitionierten High-Content-Büchern nicht nur Konkurrenz. Sie schädigen auch den Ruf des Selfpublishing insgesamt. Denn für einen relativ hohen Preis bieten Low/Medium-Content-Bücher einen minderwertigen Inhalt.

Während ich meine Erzählung The Marvelous Misfits of Westminster*, die in neun Monaten harter Arbeit entstanden ist, für 5,49 EUR anbiete – möchte die Autorin von The Marvelous Misfits für ihre 25-Seiten stolze 9,96 EUR.

Leider ist das Ganze kein Zufall, sondern eine Folge sogenannten der Hustle Culture.

Der Traum vom schnellen Geld im Selfpublishing

Auf YouTube gibt es unzählige Videos wie das Latoya Nicole. Sie versprechen das schnelle Geld durch Selfpublishing-Bücher, die mit geringem Aufwand in kurzer Zeit erstellt werden können.

Inzwischen haben diese und ähnliche Tutorials eine wahre Goldgräber-Mentalität ausgelöst – vorher war Canva das Tool, das für solche Bücher hauptsächlich genutzt wurde; inzwischen hat KI das Problem verschärft. Mittlerweile werden diese Bücher nicht einmal mehr von Menschen generiert, sondern automatisiert in Buchfarmen.

Low/Medium-Content-Bücher sind meist bildlastig, haben oft wenig oder gar keinen Text – und werden dank KI in Nullzeit hergestellt. Insbesondere Amazon KDP wird von solchen Büchern geradezu überrollt. Das liegt vor allem daran, dass Amazon eine der wenigen Selfpublishing-Plattformen ist, die fürs Hochladen kein Geld verlangt und KI-generierte Inhalte explizit erlaubt.

Das »Geschäftsmodell« funktioniert – wenn überhaupt – über Masse. Eine »Autorin« erstellt hunderte dieser Bücher pro Jahr. Immer in der Hoffnung, dass sich von jedem eine Handvoll verkauft. Frei nach dem Motto »Kleinvieh macht auch Mist«.

Indem die Autorinnen dann Werbeanzeigen schalten – so das Narrativ –, lassen sich enorme Umsätze erwirtschaften. Das reizt vor allem Menschen, die in schlecht bezahlten Jobs festhängen und spielt mit der Verzweiflung dieser Personen.

Jedem, der ein bisschen bei Verstand ist, weiß: Dieses Massen-Geschäft hat mehrere Haken.

  • Zum einen sind die »besseren« Varianten dieser Low/Medium-Content-Bücher trotzdem eher zeitaufwendig – zumal jede Menge davon erstellt werden müssen. Dabei kommt schnell das Gefühl hoch, wie am Fließband arbeiten zu müssen. Erstellt man nur ein einziges Low- oder Medium-Content-Buch, kann man sich vielleicht noch der Illusion hingeben, man betätige sich tatsächlich kreativ. Diese Selbsttäuschung hört schnell auf, wenn man das hundertste Buch erstellt hat — vor allem, wenn sich nichts verkauft und man sich fragt: Warum mache ich das eigentlich?
  • Womit ich auch schon zum zweiten Haken komme: Es ist ein Gerücht, dass man im Selfpublishing die versprochenen Mengen an Geld verdient. Jeder, der schon einmal versucht hat, ein Buch zu verkaufen, wie: Selbst gute Bücher verkaufen sich zäh. Für mich war das damals ein herber Reality-Check. Als neu veröffentlichte Autorin dachte ich noch, das Schreiben eines Buchs wäre am schwersten. Die meisten Selfpublishing-Bücher verkaufen sich weniger als hundert Mal – nicht pro Monat oder Jahr, sondern insgesamt! Und diesen Eindruck kann ich nur bestätigen.
  • Was mich zum letzten großen Haken bringt: Damit sich diese Bücher überhaupt verkaufen, braucht es Marketing-Maßnahmen. Am wenigsten zeitintensiv ist das Schalten von Werbung auf Amazon. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung: Selbst wenn man dadurch einige Verkäufe generieren kann, am Ende gewinnt vor allem einer: Amazon.

Mit diesen Low/Medium-Content-Büchern werden wir leider alle noch eine Weile leben müssen. Und bis die Welle wieder abflaut, bleibt uns nur eins: Wir müssen unserer eigenen Einschätzung vertrauen.

Schon jetzt fordert Amazon Autorinnen und Autoren auf, KI-generierte Inhalte anzugeben. Außerdem dürfen Selfpublisherinnen nur noch maximal drei Bücher pro Tag veröffentlichen – so möchte Amazon den SPAM mit KI-generierten Inhalten unterbinden. Ferner behält sich Amazon vor, minderwertige Bücher abzulehnen. Laut Richtlinie steht die positive Kundenerfahrung bei Amazon an erster Stelle.

Ich gehe davon aus, dass zukünftig eine Filteroption eingeführt wird, mit der Kundinnen KI-generierte Bücher in den Amazon-Suchergebnissen ausblenden können. Auch kann ich mir vorstellen, dass Autorinnen von High-Content-Büchern zu anderen Plattformen (wie BoD) abwandern. Oder dass es letztlich dazu führt, dass Verlage als Gatekeeper wieder größere Bedeutung gewinnen. Gerade Letzteres empfinde ich als sehr bedauerlich. Denn Selfpublishing bieten Menschen vor allem die Möglichkeit, ungewöhnliche Geschichten zu erzählen – jenseits von kapitalistischen Rentabilitätsvorstellungen.

Und wie ist nun mein Copy Cat-Buch?

Natürlich war ich trotz aller Empörung neugierig, was die Autorin Rachel McElroy, die meine Marvelous Misfits so schamlos kopiert hat, ihren Lesenden verkauft. Deshalb habe ich die 10 EUR investiert und mir ihr Buch bestellt.

Cover und Format waren schon mal ziemlich ähnlich. Der einzige Unterschied: Mein Cover ist matt, ihres ist glänzend.

picture showing the two book covers
Bei einer solchen Ähnlichkeit gäbe es durchaus Anlass, eine Unterlassung zu fordern.

Doch schon der Blick auf den Buchrücken verrät, dass die Lesenden nicht viel Inhalt erwartet. Allerdings möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen, dass sich McElroys Buch an Kinder richtet. Kinderbücher sind in der Regel schmal und haben auch weniger Content.

Picture showing the different spine sizes

Schlägt man das Buch auf, sieht man: Das Buch wurde tatsächlich komplett mit Canva erstellt. Die Fotos sind lediglich mit einem Filter bearbeitet. Aber zugegeben: Das Buch selbst finde ich eigentlich ziemlich charmant. Ich halte es für eines der besseren Low Content Bücher.

picture showing the difference in the content

Am schönsten fand ich am ganzen Buch, dass ein Teil der Gewinne an ein Tierheim gespendet wird. Der Spendenanteil sowie der farbige Inhalt erklären dann auch, warum sich die Preise so stark unterscheiden.

Mit diesem Buch soll niemand über den Tisch gezogen werden. Ich denke, die Autorin ist keine Angehörige der Hustle Culture, sondern eine Person mit Herz, die sich fürs Tierwohl einsetzt.

Vielleicht hat sie sogar mein Buch gelesen und fand: Diese beiden Bücher gehören einfach zusammen. Denn alle ihre Protagonisten, bei denen es sich um Tierheim-Fälle handelt, haben etwas Besonderes: ein fehlendes Auge, einen schiefen Mund oder nur drei Beine.

Ich glaube, dass Kinder The Marvelous Misfits von Rachel McElroy tatsächlich mögen werden. Das Buch hat etwas sehr Liebevolles.

Dieser Gesamteindruck hat mit dieser Copy Cat-Version versöhnt. Inhaltlich hat es nichts mit meinem Buch zu tun. Und ich mag, dass zwei so besondere Bücher einander ähnlich sind.

Hat die Copy Cat auch bei dir schon zugeschlagen?

Mich würde interessieren, ob du schon ähnliche Erfahrungen gemacht hast. Teile gerne deine Piratengeschichten in den Kommentaren.

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