Du fragst dich, was genau ein Setting ist – und wie du es so beschreiben kannst, dass deine Leserinnen mitten in der Szene stehen?
Im ersten Teil der Reihe »Setting meistern« erfährst du, was ein Setting wirklich ausmacht, warum es so entscheidend für jede Geschichte ist und wie du mit wenigen Details Atmosphäre erschaffst. Außerdem verrate ich dir, mit welchen Kniffen du deine Schauplätze so gestalten kannst, dass sie lebendig wirken – und zu echten Handlungsorten deiner Figuren werden.
Ohne Setting keine Geschichte!
Menschen handeln nicht im luftleeren Raum – und Geschichten tun das auch nicht! Alle Geschichten spielen an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten Situation.
Das Setting ist der Handlungskontext deiner Geschichte. Durch seine bloße Existenz nimmt es Einfluss auf die Handlung – direkt oder indirekt. Meist befinden sich am gewählten Setting, am selben Ort und zur selben Zeit auch andere Menschen, die Einfluss nehmen – auch wenn der Fokus der Erzählung nicht auf ihnen liegt.
1 Situation – 3 Settings
Lass mich dir ein konkretes Beispiel geben. Gehen wir von folgender Situation aus: Elisabeth streitet sich mit ihrer pubertierenden Tochter Klara darüber, wann die angemessene Zeit ist, von einer Party nach Hause zu kommen. Beide sitzen gerade am Frühstückstisch. Klara ist von der langen Nacht sichtlich angeschlagen, hat Ringe unter den Augen und ist nachlässig angezogen.
Stell dir vor, diese Situation findet in einem Hamburger Herrenhaus um 1890 statt. Dort leben nicht nur die Hausherrin, Elisabeth, und die einzige Tochter des Hause, Klara, sondern auch zahlreiche Bedienstete, die bereits seit den frühen Morgenstunden arbeiten. Einige von ihnen haben vielleicht mitbekommen, dass Klara viel zu spät nach Hause gekommen ist. Elisabeth ist womöglich vor allem verärgert, weil die Leute sich den Mund darüber zerreißen, wo Klara bis spät in die Nacht gewesen ist. Wahrscheinlich würden sich Elisabeth und Klara siezen, denn es war früher üblich, die Eltern zu siezen. Auch ist es eher unwahrscheinlich, dass Klara die Stimme gegenüber ihrer Mutter erheben würde. Und auch Elisabeth ist viel zu gut erzogen, um ihre Tochter anzuschreien. So etwas tut nur das niedere Volk, aber keine Dame von Welt. Ihr Wortwechsel würde wohl auch immer dann zum Erliegen kommen, wenn ein Zimmermädchen oder ein Diener den Raum betreten. Dann sprächen beide vielleicht höflich über Belanglosigkeiten, grade so, als wäre alles in Ordnung. Dass etwas nicht stimmt, würde sich anders als über Worte ausdrücken. Vielleicht würden sich die Bediensteten auch länger als gewöhnlich damit aufhalten, den Kaffee einzuschenken – denn sie wollen mitbekommen, wie Elisabeth Klara die Leviten liest.
Im zweiten Setting leben Elisabeth und Klara in einer Berliner Plattenbauwohnung. Es ist 1990, Klara ist gerade nach Hause gekommen, hatte gehofft, ihre Mutter sei vielleicht schon auf Arbeit – nur um festzustellen: Die hat sich heute krankgemeldet. Im Bademantel empfängt Elisabeth wutentbrannt ihre Tochter. »Wo bist du so lange gewesen? Und mit wem?«, will sie wissen. Die Ringe unter ihren Augen zeigen, dass sie selbst nicht geschlafen hat. »Geht dich überhaupt nichts an!«, zischt Klara – und schon brüllen sich beide an. Klara wirft der alleinerziehenden Elisabeth vor, sowieso nie da zu sein, jetzt brauche sie sich auch nicht als fürsorgliche Mutter aufzuspielen. Elisabeth kontert, dass Klara eine undankbare Tochter sei. Beide schreien so laut, dass die Nachbarn die Musik lauter drehen, nur um die Streitenden nicht zu hören. Die Beats der Bässe verursachen der verkaterten Klara Kopfschmerzen. Sie will einfach nur ihre Ruhe. »Halt endlich deine Fresse!«, schreit sie, worauf Elisabeth ihr eine schallende Ohrfeige verpasst. Klara stürmt aus der Wohnung und schlägt mit einem lauten Knall die Tür hinter sich zu.
Was aber, wenn dieser Konflikt nun statt auf der Erde auf dem Mond stattfände? Dann könnte keine von beiden wütend aus dem Raum stürmen und ihren Unmut durch das Zuschlagen einer Tür deutlich machen.
Wie das Beispiel zeigt, nimmt das Setting subtil Einfluss und du solltest es für überzeugende Geschichten unbedingt berücksichtigen. So wie jeder Mensch in bestimmte Umstände hineingeboren wird, sind auch deine Figuren ein Produkt ihrer Umgebung. Das Setting beeinflusst,
- welche Gedanken sie fassen,
- welche Probleme sie haben und
- wie sie handeln können, um ihre Probleme zu lösen.
Das Setting deiner Geschichte ist also eine sehr spezifische Kombination aus einzigartigen Bedingungen, die den Handlungsrahmen deiner Geschichte bilden.
Dabei kann dein Setting von deinem eigenen Alltag inspiriert sein und auf einem realen Ort, einer realen Zeit basieren. Du darfst es aber auch frei erfinden. Wichtig ist allerdings: Sobald dein Setting steht, wirkt es auf die Figuren. Es formt direkt oder indirekt deine Geschichte mit. Nur so kann deine Geschichte eine innere Logik entwickeln.
Das ist übrigens auch dann wahr, wenn du autobiografisch schreibst! Deine eigene Geschichte ist auch die Geschichte des Settings, in das du hineingeboren wurdest. Bestimmt zweifelst du nicht daran, dass aus dir ein ganz anderer Mensch geworden wäre, wenn du hundert Jahre früher oder später oder in einem ganz anderen Land geboren wärest. Aber sehr wahrscheinlich wäre aus dir auch eine völlig andere Person geworden, wenn du nur eine Sekunde früher oder später oder im Krankenwagen statt im Krankenhaus zur Welt gekommen wärst.
Genau diese einzigartige Kombination aller Dinge, die auf die Geschichte einwirken, macht Geschichten einzigartig und erzählenswert.
Kindheitserinnerungen
In Kindheitserinnerungen kannst du dich gewöhnlich gut hineinversetzen – denn du hast sie selbst erlebt, du brauchst nichts zu erfinden und kannst dich darauf konzentrieren, genau zu beschreiben. Du kannst aber auch nicht einfach hinsehen und abschreiben, was du siehst – du musst dich erinnern. Dadurch hat das Erinnern bereits eine große Schnittmenge mit dem Erfinden – alles spielt sich im Kopf ab.
Kinheitserinnerungen eigenen sich daher gut, um das Beschreiben des Settings zu üben.
Erinnere dich an ein Erlebnis aus deiner Kindheit. Du kannst gern die Augen schließen. Versuche so viele Fragen wie möglich, so genau wie möglich zu beantworten. Du darfst dir Stichpunkte machen:
- An welchem Ort bist du?
- Wie alt bist du?
- Wer ist außer dir da?
- Was siehst du?
- Wie riecht es?
- Welche Geräusche hörst du?
- Welche Details fallen dir auf? Beschreibe nur einige wenige, diese dafür so genau wie möglich.
- Was tust du? Was tun die anderen?
- Welche Gefühle löst das alles in dir aus und warum?
Schreibe nun eine kleine Szene zu deiner Erinnerung. Du darfst die Form frei wählen – aber wenn du dich herausfordern möchtest: Schreibe die Szene so, als wäre sie Teil eines Romans und du selbst nur eine Figur darin.
Alle Fragen, die du dir vor dem Schreiben der Szene beantwortet hast, verdeutlichen einen wichtigen Aspekt: Für gute Geschichten braucht es mehr als nur die reine Handlung. Damit Lesende deine Geschichten nacherleben können, brauchen sie eine Fülle von Informationen. Sie brauchen ein Gespür für den Ort und die Zeit; für die Menschen, die Gerüche, die Musik.
Das Gute dabei ist: Die Antworten auf diese Fragen trägst du bereits in dir. Du darfst nur nicht vergessen, sie dir auch zu stellen. Nur so können diese Aspekte in dein Setting einfließen und es zum Leben erwecken.
Puppetmaster 101: Wie du die Strippen ziehst
Was ist eigentlich eine Geschichte bzw. ein Roman? Ganz banal betrachtet, bewegen sich in Geschichten Figuren durch Raum und Zeit und verändern sich dabei. Für dich als Autorin bedeutet das: Du musst deine Figuren durch Raum und Zeit bewegen, damit sie an Handlungen teilnehmen und sich verändern können.
Stell dir vor, dass du eine Art Puppenspielerin bist. Deine Aufgabe ist es, deine Figur zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu bewegen. Die Szene kann beginnen, deine Figur erlebt etwas, das sie verändert – und dann? Sicher ist, dass deine Figur nicht einfach von der Bühne fällt. Du musst sie aus der Szene wieder wegbewegen – hin zum nächsten Handlungsort.
Für die Bewegung durch Raum und Zeit hast du als Autorin zwei Möglichkeiten: Du schreibst entweder eine Szene oder du fasst das zwischen zwei Szenen Geschehene zusammen. Warum ist dieser Unterschied so wichtig?
Szenen vs. Zusammenfassungen
Du kennst ihn bestimmt, den Ausspruch, den man fast in jedem Schreibseminar hört: Show, don't tell.
Obwohl dieser Satz eine gute Daumenregel ist, unterschlägt er einen wichtigen Aspekt: Nicht alles im Roman kann eine Szene sein. Selbst wenn du wie im Film mit Schnitt-Techniken arbeitest, brauchst du gelegentlich erzählende Einschübe. Denn: Die vergehende Zeit, die Bewegung deiner Figuren durch den Raum – all das dauert meist viel zu lange, um auserzählt zu werden!
Stell dir mal vor, deine Lesenden müssten neun Stunden lesen, weil deine Protagonistin neun Stunden im Bus sitzt, um von Saarbrücken nach Prag zu reisen. Und alles, was passiert, ist eine Fahrt über die Autobahn – in der Nacht und ohne besondere Vorkommnisse. Schnarch! Genau wie vieles im echten Leben. Kein Wunder, dass wir deshalb so gern lesen und Filme schauen. 😉
In Geschichten wollen die Lesenden miterleben, was deine Figur Besonderes erlebt – die uninteressanten Momente bleiben daher entweder unerwähnt (wie Toilettengänge) oder werden zusammengefasst (wie Ortswechsel oder Zeitsprünge).
Szenen als Bausteine
Szenen sind die Bausteine von Erzählungen. Sie umfassen einen relativ kurzen Zeitraum (einige Minuten oder Stunden) und sind sehr detailliert. Szenen imitieren Echtzeit. Das heißt gewöhnlich vergeht für die Figuren ebenso viel Zeit wie für das Lesen der Szene benötigt wird. Damit sind Szenen das geeignete Mittel für wichtige Handlungen.
Zusammenfassungen als Mörtel
Zusammenfassungen verwendest du dagegen für Hintergrundinformationen, das Verstreichen der Zeit oder geschichtliche Ereignisse. Zusammenfassungen sind das, was die Bausteine verbindet, sodass sie eine Geschichte formen können.
Brandon Sanderson bezeichnet die Daumenregel Show, don't tell übrigens als hilfreichen Tipp für Anfängerinnen. Die eigentlich Kunst sei es zu entscheiden, was gezeigt und was erzählt werden soll.
Deine Aufgabe als Autorin ist also, eine Antwort auf die folgende Frage zu finden: Ist mir das eine Szene wert oder fasse ich es zusammen? Der Unterschied: In Szenen stehen deine Figuren live auf der Bühne, sie sprechen, sie handeln – und deine Leserinnen können die Figuren direkt beobachten. Um Szenen zu schreiben brauchst du viele Wörter.
In den Zusammenfassungen spulst du sozusagen vor und bewegst die Figuren im Schnelldurchlauf durch Zeit und Raum. Für Zusammenfassungen benötigst du wenige Wörter.
Mit einer kleinen Übung kannst du ausprobieren, was geschieht, wenn du Szene und Zusammenfassung umkehrst. Nimm ein kurzes Kapitel eines Romans. Idenifiziere, was davon eine Szene ist, was davon eine Zusammenfassung. Schreibe das Kapitel dann neu: Was in der Szene geschieht, fasst du zusammen als wäre es eine bloße Hintergrundinformation – nicht mehr als ein Verstreichen von Zeit. Die Zusammenfassung arbeitest du dagegen als Szene aus. Lies dir dann das Ergebnis durch. Wie hat sich der Text verändert?
So machst du die Lüge zur Wahrheit
Geschichten werden erst durch Beschreibungen lebendig. Sie sind das Handwerk, das du als Autorin erlernen musst. Gehe nie davon aus, dass deine Leserinnen schon wissen werden, was du meinst. Beschreibe auf der anderen Seite aber auch nicht das allgemein Bekannte.
Beschreib nicht alles. Wir alle wissen, wie Dinge aussehen. – Benjamin Johncock zum Thema Beschreibungen
Lasse in den Köpfen deiner Leserinnen ein Bild entstehen, das dem in deinem möglichst ähnlich sieht. Im Roman sind die Farben, mit denen du dieses Bild malst, die Worte, die du benutzt.
Fiktion und echtes Leben sollten sich dabei soweit nähern, dass die Fiktion echtes Leben sein könnte. In anderen Worten: Mache die Lüge zur Wahrheit!
Beschreibungen sind dafür sehr wichtig. Eine Figur ist im Wesentlichen die Beschreibung einer erfundenen Person, der Plot die Beschreibung eines erfundenen Geschichte und das Setting die Beschreibung eines erfundenen Orts.
Je besser dir die Beschreibungen gelingen, umso lebendiger und überzeugender wird dein Setting – und umso weniger Raum gibt es für Missverständnisse.
Schlechte Romane […] überzeugen uns nicht davon, dass die Lüge, die sie erzählen, wahr ist. Die Lüge erscheint uns als das, was sie ist: eine Konstruktion […]. – Mario Vargas Llosa: Letters to a Young Novelist* (Chapter: The Power of Persuasion)
Weiterlesen
Hier geht’s zu den anderen Teilen von »Setting meistern«:
Anmerkung
Unterstütze diesen Blog
Auf The Story To Be biete ich Inhalte rund ums Schreiben und Selfpublishing weitgehend kostenfrei an. Am liebsten soll das so bleiben! Darum freue ich mich über deine Unterstützung. Hier sind einige Möglichkeiten, was fürs gute Karma zu tun:
- Wenn dir der Blog gefällt, erzähl es weiter! Teile den Artikel gerne über Social Media oder mit deiner Schreibgruppe.
- Kaufe meine Bücher: Du findest sie auf Amazon*.
- Nutze Affiliate-Links: Klicke auf die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Links. Wenn du etwas über einen dieser Links kaufst, erhalte ich eine kleine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts.
- Lass einen Kommentar da: So hilfst du mit, dass der Blog von Suchmaschinen besser platziert wird und mehr Schreibende ihn finden können.
- Spende: Unterstütze mich dauerhaft, indem du auf den Sign-up-Link klickst oder spende einmalig für diesen Artikel.
Vielen Dank für deine Unterstützung!