In diesem Blogartikel geht’s um eine spontane Blogparade anlässlich des morgigen 27. September 2026. Die Idee dazu hatte ich, als ich »Ein Tag im Jahr« von Christa Wolf gelesen habe. Ihr Buch ist nämlich mehr als nur ein Buch. Wolf führt in »Ein Tag im Jahr« eine historische Schreibaufgabe fort, bei der Schriftsteller:innen aus aller Welt 1935 erstmals mitgemacht haben.
Wolf selbst begann 1960 zum ersten Mal damit, ihren 27. September im Detail zu beschreiben. Und führte diese Tradition bis zu ihrem Tod 2011 fort.
In diesem Artikel erfährst du, was es mit dem 27. September auf sich hat, welche Techniken Christa Wolf genutzt hat, um diesen Tag festzuhalten – und warum es sich lohnen kann, ebenfalls an diesem Tag zu schreiben.
Diesen Artikel kannst du übrigens lesen, ohne dich anzumelden. 💝 Have fun!
So geht’s im Artikel weiter
- First things first: Was ist überhaupt eine Blogparade?
- So kannst du bei der Blogparade mitmachen
- Wer hat’s erfunden? Nicht die Schweizer!
- Christa Wolfs erster 27. September
- Warum solltest du über deinen Tag schreiben?
- Wie kannst du über deinen Tag schreiben?
- Der Tag ist gekommen – und dir ist nicht nach schreiben
- Der Tag ist gekommen – und du hast keine Zeit
- Der Tag ist gekommen – und du bist krank
- Wie kannst du deinen »Lebensstoff« einfangen?
- Schreiben dicht am Leben
- Registrieren
- Aufzeichnungsapparat
- Fotografieren
- Banalitäten & Heilsames
- Einfach loslegen
- Quellen
First things first: Was ist überhaupt eine Blogparade?
Eine Blogparade ist eine Schreibaktion. Dabei gibt eine Blogger:in ein Thema vor, an dem sich andere beteiligen können. So können sich Menschen kennenlernen und untereinander vernetzen. Gleichzeitig entstehen durch die gegenseitige Verlinkung Backlinks. Diese helfen dabei, Blogs bei Google höher zu ranken, sodass solche Inhalte von Lesenden überhaupt gefunden werden können. In einer Zeit, in der viele Blogs KI-generiert sind, ist es umso wichtiger, einander mit Backlinks zu unterstützen.
So kannst du bei der Blogparade mitmachen
- Du schreibst einen Text, in dem du deinen 27. September 2026 im Detail beschreibst. Welche Techniken dazu benutzen kannst, erfährst du im Artikel.
- Du verlinkst deinen Artikel bis zum 30. Oktober 2026 in den Kommentaren. Um SPAM zu vermeiden, musst du dich zuerst kurz anmelden. Das ist kostenlos.
- In deinem eigenen Artikel verlinkst du auf meinen Artikel. Bei Social Media nutze bitte zusätzlich den Hashtag #EinTagImJahr
Um an meiner Blogparade mitmachen zu können, brauchst du nicht unbedingt einen eigenen Blog. Dein Link darf auch zu einem Beitrag in den sozialen Medien verweisen (z. B. einem Instagram-, Facebook- oder Reddit-Post). Alle bis Ende Oktober verlinkten Kommentare werde ich lesen und in einem separaten Blogartikel zusammenfassen.
Wer hat’s erfunden? Nicht die Schweizer!
Die Schreibaufgabe startete ursprünglich der russische Schriftsteller Alexei Maximowitsch Peschkow. Unter diesem Namen kennen ihn heute allerdings nur wenige. Mit seinem Pseudonym Maxim Gorki erreichte er aber Weltruhm. Wenn du ihn als Schriftsteller nicht kennst, dann hast du seinen Namen bestimmt – wie ich – bereits mehrfach mitgeträllert. Denn Gorki kommt in den Anfangszeilen des Scorpions Songs Winds of Change vor:
I follow the Moskva
Down to Gorky Park
Listening to the wind of change
aus: Winds of Change, Scorpions
1935 lud Gorki Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus aller Welt ein, ihren 27. September so genau wie möglich zu beschreiben. Das Projekt hieß Denʹ mira. Das ist Russisch für »Tag der Welt«.
Gorkis Idee war sowohl politisch als auch ein Experiment zu Raum und Zeit. Einerseits zielte er mit seinem Aufruf darauf ab, Nachrichten aus aller Welt für einen einzigen Tag zu sammeln. Andererseits ist das Projekt in einen zeitgeschichtlichen Kontext gebettet, in dem es zahlreiche Zeitreformen in Russland gab. Damals beschäftigten sich viele Kunstschaffende mit dem Thema Raum und Zeit und versuchten, die Potenziale und Grenzen einer weltweiten Synchronisation zu erkunden. Mehr zum zeitgeschichtlichen Kontext findest du übrigens im Artikel von Robert Bird.
Die Fertigstellung des riesigen Projekts, an dem sich etliche Autor:innen weltweit beteiligten, erlebte Gorki allerdings nicht mehr. Erst 1937 wurde das Buch veröffentlicht – leider bisher nur in russischer Sprache. Dass es noch nicht übersetzt wurde, finde ich ziemlich schade, denn namhafte Schriftsteller:innen hatten sich beteiligt, u. a. Berthold Brecht, Alfred Döblin, Heinrich Mann, H. G. Wells und Stefan Zweig.
Einen Text von damals konnte ich im Netz ausfindig machen: Auch William Du Bois – ein Schwarzer Philosoph, Journalist und Bürgerrechtler aus den USA – hatte sich beteiligt. Der Text ist auf Englisch, aber ich habe dir ein paar Auszüge übersetzt:
An diesem Tag, dem 27. September 1935, muss ich meinen Worten erklärend vorausschicken, dass ich ein Amerikaner Schwarzer Herkunft bin und als solcher in meinem Geburtsland bestimmte Diskriminierungen und Schwierigkeiten ertragen muss. – aus »This day, September 27, 1935« von W. E. B. du Bois (S. 1)
Du Bois war an diesem Tag, einem Freitag, auf dem Weg zu seiner neuen Stelle als Universitätsprofessor an der Universität von Atlanta. Seine Beschreibung gibt einen Einblick, wie es ihm auf dem Weg in die Südstaaten erging und welche Gedanken ihn bewegten.
Gleichwohl habe ich ein ziemlich gutes Frühstück bekommen und meine Thermoskanne mit Kaffee und Wasser gefüllt. Ab jetzt ist die Chance, dass ich auf den nächsten 800 Meilen der Reise Essen bekomme, schwierig, mit Ausnahme der Stops an Orten und Häusern, die ich bereits zuvor abgemacht habe. – aus »This day, September 27, 1935« von W. E. B. du Bois (S. 6)
Das Konzept von Gorki wurde weltweit noch zweimal wiederholt: 1939 in China (über das ich leider nichts weiter herausfinden konnte) und 1960 in der Sowjetunion. Die Sowjets wollten damals das 25. Jubiläum des ersten Bands begehen. Der Aufruf erfolgte ursprünglich in der Moskauer Zeitung »Iswestija«. In Deutschland erfuhren die Schriftsteller:innen – darunter Christa Wolf – vom Vorhaben am 22. September 1960, als die Zeitung Neues Deutschland den Aufruf druckte:




Auch der zweite Band von 1960 liegt leider nur in russischer Sprache vor. Wer des Russischen mächtig ist, kann sich hier einlesen, was Schriftsteller:innen auf der ganzen Welt zum 27. September 1960 geschrieben haben.
Christa Wolfs erster 27. September
An diesem Dienstag im Jahr 1960 schrieb Wolf aus ihrer Wohnung im Amselweg (Halle). Sorgen um ihre kranke Tochter Tinka und ihren Mann Gerd, der gerade eine Grippe überwunden hat, bestimmen schon beim Erwachen ihre Gedanken.
Während sie ihren beiden Töchtern das Frühstück macht, versucht sie, sich daran zu erinnern, wie sie den 27. September vor vier Jahren verbracht hat, ehe die Jüngste geboren wurde. Sie stellt fest, wie vieles man doch vergisst, wenn man es nicht aufschreibt, und bemerkt zugleich, dass es eigentlich nicht möglich ist, alles festzuhalten.
Wolf beschreibt ihren Alltag: Die Kinder bummeln, sie schimpft und wird ungeduldig. Die tägliche Schreibarbeit gestaltet sich schwierig, weil die vierjährige Tochter sie unterbricht.
In den Text fließt ein Kinderlied ein, das ihre Tochter gerne singt, sowie Beschreibungen dessen, was ihr Mann gerade macht. Der liest in den Briefen Lenins an Gorki, woran sich ein Gespräch zwischen beiden entspinnt, das Wolf zusammenfassend umreißt.
Die Autorin beschreibt auch, dass in ihrer Straße ein neues Wohnhaus gebaut wird, und zeichnet kurze Gespräche mit ihrer jüngsten Tochter nach, die viele Fragen dazu hat, denn der Maureraufzug fasziniert sie. Im Wartezimmer beim Arzt, zu dem die Tochter wegen ihres Fußes muss, bekommt Wolf ein Gespräch über eine blaue Strickjacke mit und schildert es im Detail. Auch auf den Verlauf des Arztbesuches geht sie ein.
Sie erzählt, welche Post sie an diesem Tag bekommen hat, wie sie Essen kocht und Kinderaufsätze zum Thema »Mein schönster Ferientag« liest. An diesem 27. September 1960 fährt Wolf zur Parteigruppensitzung, berichtet, was auf der Hinfahrt zum Treffen in der Straßenbahn passiert und worüber die Parteigruppe spricht.
Abends kauft sie die Zutaten für den Geburtstagskuchen ihrer Jüngsten, die am nächsten Tag ihren fünften Geburtstag feiert. Sie berichtet darüber, wie sie mit Gerd zusammen eine Violinsonate hört, dann noch einmal an den Schreibtisch geht, sich jedoch von allem gestört fühlt. Sie ist erbittert über die Manuskriptanfänge, die sich auf ihrem Schreibtisch stapeln, und darüber, dass ihr Schreibprozess so langwierig ist.
Ich weiß, daß weder die Seiten, die schon daliegen, noch die Sätze, die ich heute schreibe, bleiben werden – nicht ein Buchstabe von ihnen. (...) Vor dem Einschlafen denke ich, daß aus Tagen wie diesem das Leben besteht. Punkte, die am Ende, wenn man Glück gehabt hat, eine Linie verbindet. Daß sie auch auseinanderfallen können zu einer sinnlosen Häufung vergangener Zeit, daß nur eine fortdauernde unbeirrte Anstrengung den kleinen Zeiteinheiten, in denen wir leben, einen Sinn gibt ... – aus »Ein Tag im Jahr«* von Christa Wolf (S. 23)
Warum solltest du über deinen Tag schreiben?
Über einen ganz gewöhnlichen und banalen Tag im Jahr zu schreiben, an dem sich nichts anderes ereignet als dein normales Leben, kann genau aus diesem Grund sehr spannend sein: Denn gerade solche Tage sind es, aus denen sich dein Leben tatsächlich zusammensetzt.
Ich bin selbst keine Tagebuchschreiberin und manchmal bedauere ich, dass ich mein Leben nicht besser festhalte. Je älter ich werde, umso mehr bedauere ich es. Doch jeden Tag zu schreiben, das erscheint mir zu anstrengend. Und innerhalb eines Monats gleichen sich die Tage meist, sodass ich nur Wiederholungen aufschreiben würde. Aber einmal im Jahr einen Tag im Detail festzuhalten, das kann ich mir vorstellen. Deswegen hat mich Christa Wolfs Projekt direkt fasziniert. 51 Tage im Jahr hält die Autorin in zwei Bänden fest; den letzten Tag, kurz vor ihrem Tod, nur in Notizen. Und in diesen 51 Tagen lässt sich meines Erachtens ein Leben viel näher und authentischer nachzeichnen als in einer Autobiografie.
Vielleicht trifft »Ein Tag im Jahr« deinen Schreibnerv und du hast Lust, dich mir in dieser kleinen Wiederaufnahme des historischen Schreibprojekts anzuschließen.
Indem du dir einmal im Jahr die Zeit nimmst, über einen solchen Tag zu schreiben, würdigst du nicht nur diesen Tag. Du würdigst zugleich dein Leben selbst. Synchron ist dieses Projekt dann interessant, wenn andere Menschen ebenfalls an diesem Tag schreiben. So kannst du nachlesen, wie ihr Alltag aussah.
Diachron wird es spannend, wenn du beginnst, jedes Jahr den 27. September zu beschreiben. Die kleinen Veränderungen im eigenen Leben, über die wir uns manchmal nicht bewusst sind, vollziehen sich in den Alltagsmomenten. Unser Leben ist sozusagen wie eine tektonische Platte. Wir spüren die Verschiebungen meist nicht; selten bebt die Erde. Nicht jeden Tag passieren große Schicksalsmomente wie Hochzeiten und Todesfälle. Aber wenn du dein Leben über die Jahre hinweg betrachtest, dann haben sie sich Tag für Tag zu etwas zusammengeschoben, das zu einem ganz einzigartigen Lebensgebirge geworden ist.
Wie kannst du über deinen Tag schreiben?
Die Beispiele von Christa Wolf und W. E. B. du Bois deuten bereits die Vielfalt der Möglichkeiten an. Du kannst:
- aufkommende Erinnerungen festhalten
- Alltagssituationen beschreiben
- über Wetter und Menschen berichten
- deinen Schreibort notieren
- darüber schreiben, was es zu Essen gab
- Tagespolitik aufnehmen und deine Gedanken dazu
- deine Sorgen und Freuden an diesem Tag
- kleine Rückblick sind ebenso erlaubt, denn oft tragen wir die »Reste des Vortags« noch in uns
Trotz möglicher Rückblicke und Erinnerungen liegt der Fokus auf dem aktuellen »Tag im Jahr«, im Hier und Jetzt. Rückblicke sollten in Verbindung zu diesem Tag stehen und nicht dazu dienen, dein Jahr bisher zusammenzufassen. Das erzeugt nur unnötigen Druck.
Versuche daher lieber, im Moment zu bleiben. Und erlaube dir wirklich, alles aufzuschreiben: Banales, Lustiges, Gedanken. Wenn du geübt bist im Freewriting, dann eignet sich diese Form besonders für die Rohfassung. Denn selbstverständlich sind auch Christa Wolfs Einträge stark überarbeitet. Das zeigen nicht nur das Zitat oben, sondern auch ihr letzter Eintrag, der nur in Notizen erhalten ist.
Schlagzeige Berl. Ztg.: Wowereit wählt grün. Koalition mit nur einer Stimme Mehrheit im Abgeordnetenhaus.
Nachts um 3 wach aus Traum heraus: Vor mir liegen drei Tote, alles Ausländer, eine davon bin ich, bin unkenntlich. – aus »Ein Tag im Jahr: im neuen Jahrhundert«* von Christa Wolf (S. 154)
Auch W. E. B. du Bois hat seinen Text erst im Oktober 1935 eingereicht.
Der Tag ist gekommen – und dir ist nicht nach schreiben
Es ist vollkommen okay, wenn sich der Gedanke, am »Tag im Jahr« mitzumachen, erstmal besser angefühlt hat, als deinen Tag niederzuschreiben, wenn er tatsächlich gekommen ist. Das fühlte auch Christa Wolf 1961:
Gestern, als eigentlich der »Tag des Jahres« sein sollte – eine Tradition, die ich doch anfangen möchte – habe ich den ganzen Tag über nicht daran gedacht, erst heute früh beim Erwachen, fiel es mir ein, kein lustvoller Einfall, ich spürte Unlust, mich pflichtgemäß schreibend an gestern zu erinnern. In älteren Tagebüchern blätternd, sah ich wieder, was man alles vergisst, wenn man es nicht aufschreibt: Fast alles. Besonders die wichtigen Kleinigkeiten. Also aufschreiben. Und zugleich ein Test, was ich vom gestrigen Tag noch weiß, was ich aus der schnell verblassenden Erinnerung festhalten, »retten« kann. – aus »Ein Tag im Jahr«* von Christa Wolf (S. 25)
Wie der Autorin ergeht es übrigens fast jedem: Oft fühlen wir uns gestresst, wenn die Dinge anstehen, die wir uns in der Vergangenheit vorgenommen haben. Das hängt damit zusammen, wie Menschen Zeit wahrnehmen. Wir alle machen nämlich bestimmte Denkfehler, wenn’s ums Zeitmanagement geht.
Einer dieser Denkfehler ist der sogenannte Projektionsfehler. Dabei gehen wir davon aus, dass wir auch zukünftig wollen, was wir gerade jetzt wollen. Leider stimmt das meistens nicht.
Deshalb sitze ich hier am 25. September 2026 und tippe in die Tasten, weil ich das im März eine gute Idee fand. Da dachte ich nämlich: Wie cool wäre das, wenn ganz viele Leute auch zum 27. September schreiben. Ich mach’ dazu einen Blogartikel. Natürlich hatte ich im März keine Ahnung, dass ich die für den September eingeplanten Blogschreib-Tage gar nicht haben würde, weil wir kurzfristig eine Baustelle haben.
Bei solchen Vorsätzen kann es übrigens helfen, wenn du dich an dein Warum erinnerst. Mein Warum ist, dass mich diese Tradition von Christa Wolf einfach wirklich beeindruckt hat. Eigentlich finde ich ihr gewöhnliches Leben fast schon spannender als ihre besonderen Momente. In ihrem Alltag erkenne ich mich wieder und könnte mir vorstellen, selbst auch eine »richtige« Autorin zu sein. Vor allem zeigt es mir, dass diese Person, die ich bewundere, auch ganz normale Probleme hatte – und ihr dennoch das Schreiben gelang.
Deshalb möchte auch ich gerne einen ganz gewöhnlichen Tag im Detail festhalten. Denn im Grunde weiß ich später gar nicht mehr, wie meine Tage genau ausgesehen haben. In meine Tagebücher als Jugendliche habe ich immer nur geschrieben, wenn ich Probleme hatte. Wenn ich sie heute lese, sind die Probleme nicht mehr wichtig. Ich interessiere mich aber dafür, was in meinem Leben sonst so geschehen ist – und kann mich nicht mehr erinnern. Der Jahresrückblick, den ich seit ein paar Jahren mache und liebe, fasst die Höhepunkte eines Jahres zusammen. Aber wie habe ich eigentlich einen typischen Tag verbracht? Welche Gedanken gingen mir durch den Kopf? Genau ist der 27. September perfekt. Ein Tag, den man vergisst, denn er ist kein besonderer. Kein Geburtstag, kein Jahreswechsel, kein Schaltjahr.
Der Wert von »Ein Tag im Jahr« erscheint mir also für die Zukunft sehr hoch. Ich bin sicher, mein Future Me sitzt mit Faszination vor diesen Tagen und freut sich, dass ich sie erfasst habe. Aber natürlich könnte diese Annahme nur ein weiterer Projektionsfehler meinerseits sein. 🙈
Der Tag ist gekommen – und du hast keine Zeit
Auch Christa Wolf berichtet von diesem Problem – und zwar 1964:
Der »Tag des Jahres« fiel diesmal auf einen Sonntag. Aber nicht einmal da hatte ich Zeit zu schreiben. Ich werde wohl eine »Woche des Jahres« daraus machen müssen. Denn der Tagesablauf sagt kaum noch etwas über mich aus: Er wird mir aufgezwungen. – aus »Ein Tag im Jahr«* von Christa Wolf (S. 63)
Sei nicht zu streng mit dir selbst. Wenn du keine Zeit hast, dann mach einfach den Zeitraum ein wenig größer. Schreibe über die Woche hinweg immer kleine Notizen, aus denen du dann deinen Text gestaltest.
Der Tag ist gekommen – und du bist krank
Krankheiten können passieren, aber das hat Christa Wolf nicht abgehalten. Sie hat einfach darüber geschrieben:
Der 27. September (1965) verging, ohne daß ich ihn protokolliert hätte. Ich hatte Migräne, fühlte mich schlaff, krank, nicht arbeitsfähig, saß und lag herum, ließ die Dinge schleifen, vernachlässigte das Tagebuch. – aus »Ein Tag im Jahr«* von Christa Wolf (S. 73)
Sei achtsam mit dir selbst. Du musst den 27. September nicht am selben Tag auch aufschreiben. Wenn du dich nicht gut fühlst, dann schreibst du einfach einen Tag später über deinen 27. September. Mach dir nicht zu viel Druck. Du musst nicht alles im Detail protokollieren. Du kannst deinen Tag auch aus der Erinnerung heraus rekonstruieren.
Das Zitat zeigt auch, dass für Christa Wolf das Tagebuch zugleich Arbeitsmittel und Gedächtnis war. Sie nennt in einem Aufsatz drei Gründe, weshalb sie Tagebuch schreibt:
- Im Tagebuch trifft das menschliche Bedürfnis nach Selbstausdruck auf Literatur/Schreiben als Kunstform.
- Das Tagebuch ist ein »Spiegel der Durchschnittsproblematik«. Es zeigt, welche Probleme gewöhnliche Menschen haben, und dazu zählt sich auch Christa Wolf. Sie kann sich im Tagebuch ohne Formenzwang frei ausdrücken.
- Im Tagebuch fängt sie unmittelbar den »Lebensstoff« ein, aus dem später ihre Kunst wird.
Wie kannst du deinen »Lebensstoff« einfangen?
Wenn du es ganz dokumentarisch angehen willst, kannst du tun, was viele Schreibende ohnehin schon machen: Trage ein Notizbuch mit Stift bei dir. Was für mich super als Erinnerungsstütze funktioniert, sind Sprachmemos, die ich mir dann automatisiert transkribieren lasse. Das ist eine wunderbare Grundlage und da moderne Menschen ihr Handy überall griffbereit haben, lässt sich das auch mühelos umsetzen.
Wolfs Bemerkungen zum Tagebuch zeigen aber auch, dass es sich bei »Ein Tag im Jahr« eben nicht um 1:1 abgedruckte Tagebuchaufzeichnungen handelt. Sie gestaltet diesen Text mit den erzählerischen Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, zu einem kleinen Aufsatz. Ihre Aufzeichnungen an diesen Tagen sind unterschiedlich lang. 1972 schreibt sie sechs Seiten, 1977 (im Jahr, als Biermann ausgebürgert wird) sind es 14. Ich würde dir empfehlen, eine Länge zu wählen, die gut zu dir und einem Tag passt. Auch wenn die Texte anderer Autorinnen inspirieren können, solltest du mit deinen eigenen Mitteln arbeiten. So wie du in diesem Jahr schreibst, ist absolut perfekt. Denn es geht gerade darum, genau dich, dein Leben, dein Schreiben an diesem Tag festzuhalten. Das kannst du im Grunde gar nicht falsch machen. Um am 27. September 2026 mitzuschreiben, schreibst du jetzt, in diesem Moment, schon gut genug und genau richtig!
Schreiben dicht am Leben
Für den 27. September ist also der Rohstoff, aus dem du deinen Text entstehen lässt, dein Leben. Wie aber hältst du diesen »Lebensstoff« am besten fest? Neben Tagebuch, Notizen festhalten und Sprachmemos gibt Hanns-Josef Ortheil in seinem Buch »Schreiben dicht am Leben« noch ein paar weitere Tipps:
Registrieren
Diese Technik geht auf den französischen Schriftsteller Georges Perec zurück. Er wollte damit seinen Blick für die Details in seiner Umgebung schärfen. Bei dieser Art des Notierens nimmst du kurz auf, was um dich herum gerade geschieht.
Im Nachhinein können gerade diese Details unseren Text in Raum und Zeit verorten. Alles, was uns an diesem 27. September aufgefallen ist, macht den Tag spezifisch und einzigartig. Mehr noch: Daraus entsteht im Grunde unsere Erinnerung. Denn laut Gedächtnisforschung erinnern wir uns überhaupt nur an Dinge, die unsere Aufmerksamkeit einfangen können. Was hat an diesem Tag deine Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Notiere diese Details in kurzen Sätzen:
Drei ältere Frauen hocken beieinander. Die eine, die schlesischen Dialekt spricht, hat sich gestern eine blaue Strickjacke gekauft, für hundertdreizehn Mark. – aus »Ein Tag im Jahr«* von Christa Wolf (S. 13)
10 Uhr 30, Tabac Saint-Sulpice. Neben der Bushaltestelle frankiert eine Frau drei Briefe und wirft sie in den Briefkasten. (...) Eine Art Doppelgänger von Peter Sellers geht sehr selbstgefällig vor dem Café vorbei. (...) Ich habe den Eindruck, der Platz sei fast leer (aber es befinden sich mindestens zwanzig Menschen in meinem Blickfeld). – Georges Perec, zit. nach »Schreiben dicht am Leben«* von Hanns-Josef Ortheil (S. 19)
Aufzeichnungsapparat
Diese Art des Notierens eignet sich für einen Moment des Tages. Am besten wählst du ihn willkürlich. Nimm die Haltung eines Aufzeichnungsapparats ein. Das kann eine Kamera oder ein Mikrofon (ohne Bild) sein. Schreibe dann zu einem kleinen Geschehen (vielleicht 15 Minuten), das du beobachtest und beschreibst. Und zwar nüchtern, sachlich, distanziert. Was du beschreibst, sollte weder etwas Besonderes noch etwas Dramatisches sein. Es sollte eher eine alltägliche Szene sein.
Die Idee zu dieser Schreibtechnik, die sich »Webcam« nannte, hatte die Berliner Ausgabe der F. A. Z. – zwischen 1999 und 2002 lagen die entstandenen Texte täglich den »Berliner Seiten« bei. Jeder dieser Texte begann mit einer exakten Zeit- und Ortsangabe:
Umkleideraum im Strandbad Plötzensee, 16.50 Uhr bis 17.12 Uhr. Zwei Frauen ziehen sich am hinteren Ende des Umkleideraums im Freibad Plötzensee an. Ihre Kleider liegen auf einer Bank an der Fensterseite. Eine von ihnen wendet den Blick ab, wann immer andere Frauen in den Raum treten. (...) – »Schreiben dicht am Leben«* von Hanns-Josef Ortheil (S. 26)
Fotografieren
Diese Idee stammt von Peter Wehrli. Dabei hältst du in wenigen Zeilen einen Moment fest, ähnlich wie ein Foto – aber mit Worten. Wehrli hat seine »Fotografien« nummeriert und fortlaufend gesammelt. Sein Projekt läuft bis heute und er hat es »Katalog von Allem« genannt.
Bei dieser Technik notierst du dir aber keine beliebigen Bilder, sondern nur das, was dich anspringt. Das sprachliche Bild soll nur ein einziger Satz sein. Die Besonderheit bei Wehrli: Alle seine Sätze haben kein Verb.
23. das Mädchen
das verstörte Mädchen, das sich im Bahnhof Triest über Berge eigenen Gepäcks in den Korridor des Wagens kämpft und Mitreisende fragt: »Mosca? Moscou? Moskau? Moskwa?« – Peter Wehrli, zit. nach »Schreiben dicht am Leben«* von Hanns-Josef Ortheil (S. 34)
Banalitäten & Heilsames
Wenn du dazu neigst, eher das Negative und Belastende festzuhalten, dann empfehle ich dir, bewusst Notizen zu den kleinen positiven Dingen um dich herum zu machen:
- Welche Nachricht in der Zeitung, im Radio, im Netz amüsiert dich und warum?
- Welches Lied hast du morgens gehört? Was ist deine liebste Zeile daraus gewesen?
- Zitiere einen Satz aus einem Buch, das du gelesen, oder einem Film, den du gesehen hast.
- Notiere eine Zufallsbegegnung an diesem Tag, einen Blickkontakt mit einem anderen Menschen, etwas Nettes, das dir passiert ist.
Einfach loslegen
Du bist jetzt gerüstet, um mitzumachen. Wenn dieser Blogartikel erscheint, dann ist »Der Tag des Jahres« schon morgen. Es ist aber nicht schlimm, dass er dich ganz unvermittelt überrascht. Auch Christa Wolf hat von dem Projekt nur fünf Tage vorher erfahren – und in ihrem Buch berichtet sie oft darüber, dass sie ihn ganz vergessen hat.
Es gehört also auch zum Konzept, dass der 27. September immer unverhofft, überraschend, ungeplant und ungelegen kommt. Am besten hast du an den Tag sogar vorher nicht gedacht. Dann kannst du nämlich genau das erfassen, was du erfassen möchtest: einen ganz gewöhnlichen Tag in deinem Leben.
Quellen
- Betreutes Fühlen (2026): »Wenn Zeit stresst - 6 Fehler, die man kennen sollte«
- Robert Bird (2017): »Revolutionary Synchrony: A Day of the World«
- W. E. B. Du Bois (1935): »This day, September 27, 1935«
- Hanns-Josef Ortheil (2012): »Schreiben dicht am Leben«*
- Christa Wolf (2005): Ein Tag im Jahr*
- Christa Wolf (2014): Ein Tag im Jahr: im neuen Jahrhundert*
- Christa Wolf: »Tagebuch – Arbeitsmittel und Gedächtnis« in: Lesen und Schreiben: Essays und Reden 1961–1980*
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